Vernetzungstag und Symposium

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Frei zu denken, frei zu arbeiten, frei zu leben

Sabine Prokop
 

Kunst, Kultur & Prekarität: Die schwierige Existenzform mit wechselnden, ungesicherten und oft nur ein Zubrot umfassende Einkommensmöglichkeiten, die quasi auf Bitten und Widerruf beruhen (vgl. lat. prekär), ist KünstlerInnen historisch gesehen bereits lange bekannt und berufstypisch. Kunst konnte von den meisten KünstlerInnen nur einige Jahre lang oder ausschließlich neben anderen Beschäftigungen ausgeübt werden. Prekarität und künstlerische Tätigkeit waren und sind eng verbunden. KünstlerInnen gelten als "role models" für prekäre Arbeitsverhältnisse.

Unter dem Stichwort Liberalisierung wird heutzutage die Realisierung von subjektiven Lebensentwürfen gefordert und auch gefördert. Gleichzeitig steigt jedoch der Druck des Marktes auf die Einzelnen infolge der immer mehr um sich greifenden Ökonomisierung. Der diskursive Hype um Creative Industries illustriert diese Entwicklung: Der Kunst- und Kulturbereich werden zunehmend unter ökonomischen Gesichtspunkten gesehen, das vermeintlich hohe Beschäftigungspotenzial der Kreativbranchen ist zur zentralen Legitimationsfigur für öffentliche Förderungen geworden. Der Etikettenschwindel, der hinter diesem Polithype steht, wird von vielen Seiten nur zögerlich zur Kenntnis genommen. Tatsache ist, dass sich die Arbeitsverhältnisse in den Creative Industries nicht von den berüchtigt schlechten Bedingungen, die im Kunstbetrieb seit langer Zeit bekannt sind, unterscheiden; nur wird mit dem Begriff "KulturunternehmerIn" suggeriert, dass die Betroffenen ihre missliche Lage selbst verschuldet hätten. So wird von den massiven strukturellen Problemlagen abgelenkt. Jede ist ihres Glückes Schmiedin.

Wissenschaft & Prekarität

Ebenfalls im Rahmen der allgemeinen Liberalisierungstendenzen hat das Universitätsgesetz 2002 unter anderem Drittmittelprojekte, die aus nicht-universitäts-internen "Töpfen" finanziert werden (sollen), an den Universitäten forciert. Durch diese so genannte Öffnung werden zwar fallweise freie oder nicht (mehr) längerfristig an Universitäten angestellte WissenschafterInnen in solchen Forschungsprojekten beschäftigt. Es wird aber "immer - selbstverständlich informell - von Seiten der Institution klargestellt, Mitarbeit ja, aber Arbeitsplatz, Infrastruktur nein, das geht nicht, kein Platz, kein Geld, ja vielleicht der eine oder andere Betrag für Overheadkosten"[1]. Die bildungspolitische Entwicklung richtet sich deutlich gegen freie WissenschafterInnen – und besonders gegen freie feministische Denkerinnen und Forscherinnen. Nicht nur wenn sie die geforderte Tranzsdisziplinarität und pluralistische Herangehensweisen verwirklichen, sind sie entsprechend oft am Rande der Disziplinen tätig. Als zeitweise Lehrende oder eben Teilzeit- oder befristete Projektmitarbeiterinnen sind sie auch nicht innerhalb der Institutionen verortet. Sie werden "nicht selten mit Ignoranz, Abwertung und Marginalisierung konfrontiert"[2] und kämpfen um ihre Existenz, die in gerade dieser Form nicht immer freiwillig gewählt ist.

Viele freie feministische Wissenschafterinnen in Österreich leben unter dem Existenzminimum, wie der Verband feministischer Wissenschafterinnen, der seit seiner Gründung im Jahr 2000 die Interessen freier feministischer Wissenschafterinnen und feministischer Wissenschaften vertritt, wiederholt aufgezeigt hat.

"Was wollten wir werden? Was werden wir wollen?" fragten in einem Workshop auf der Frauenfrühlingsuni 2007 Renate Fleisch, Sabine Prokop und Hanna Hacker, die dazu feststellte: "Seit der ersten und der letzten österreichischen Frauensommeruni (1984 bzw.1990) scheinen sich die Selbst-Entwürfe feministischer ‚Denkerinnen’ bzw. Studentinnen sehr gewandelt zu haben. Hieß autonome Frauenbewegung nicht auch, Saboteurinnen der ‚patriarchalen’ Institutionen Uni und akademischer Wissenschaftsproduktion werden zu wollen? Andererseits: Das, was heute einigen möglich ist, nämlich sich an einer Perspektive feministischer ‚Junior’-Karrieren in der Wissenschaft zu orientieren, gab es ‚einstmals’ auch noch gar nicht und ist selbst Ergebnis frauenbewegter Kämpfe und Aushandlungen."[3]

Frei sind jene Wissenschafterinnen, die sich als frei bezeichnen, bis heute jedenfalls nicht bei Forschungsanträgen und Bewerbungen, wo die Unterstützung verschiedenster Institutionen und Konstellationen nötig ist. Es bleibt also in Bezugnahme auf die sechste österreichische Frauensommeruniversität[4] zu überlegen "wofür wir frei sein wollen und wohin diese Freiheit führen kann"[5].

Freie Kunst & Wissenschaft

Freie künstlerische und wissenschaftliche Tätigkeit braucht ein hohes Maß an Eigeninitiative, Selbstverantwortung, Mobilität und nicht zuletzt Flexibilität. Letztere ist inzwischen zu einer Schlüsselqualifikation geworden. Die trotz der widrigen Arbeitsumstände meist sehr hohe Motivation der freien "Kultur- und WissensproduzentInnen" lässt sie zu Vorbildern für neue Beschäftigungsmodelle werden.[6] Dabei werden jedoch Modelle geschaffen, die vor allem einseitig für die ArbeitgeberInnen von Vorteil sind. Die positiven Aspekte freier künstlerischer oder wissenschaftlicher Tätigkeit fehlen. Die so genannten Neuen Selbständigen sind von den "alten" AuftraggeberInnen weiterhin abhängig, müssen jedoch einen Großteil des Risikos übernehmen ohne die "alten" sozialen Sicherheiten zu erhalten. Auch die Freiheit von so genannten freien DienstnehmerInnen ist nicht zuletzt "in dem Sinne zu verstehen, dass sie frei von etwa Urlaubsanspruch, 13. und 14. Monatsgehältern, von Arbeitslosenversicherung und von Krankengeld sind"[7]. Die letzte Novelle des Arbeitslosenversicherungsgesetzes brachte zwar die Einbeziehung freier DienstnehmerInnen in die Arbeitslosenversicherung (seit 2008), aber zugleich auch Erleichterungen bei der Verhängung von Zwangsmaßnahmen und Bezugssperren für Erwerbsarbeitslose. 2009 folgte die freiwillige Arbeitslosenversicherung für selbständig Erwerbstätige. Doch für (Neue) Selbständige ist die Definition von Arbeitslosigkeit weitgehend unbrauchbar, die erforderliche Anwartschaft vielfach schwierig zu erreichen und der Versicherungsbeitrag bei geringem Einkommen ohnehin kaum leistbar. Zeitgenössischen Erwerbsbiografien mit rascher Abfolge und/oder Gleichzeitigkeit verschiedener Beschäftigungsformen wird nicht Rechnung getragen. Nicht anders verhält es sich mit der geplanten bedarfsorientierten Grundsicherung (Mindestsicherung), die zudem u.a. eine vorherige Auflösung des eigenen Vermögens und (ebenso wie schon bisher bei Bezug von Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Sozialhilfe) die zu beweisende Arbeitswilligkeit voraussetzt.

Prekarität & Freiheit

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens sieht hingegen die regelmäßige Auszahlung eines Existenz sichernden Fixbetrages ohne Gegenleistung für alle vor. Ziel ist (mit dem Motto des Grundeinkommenkongresses 2005 in Wien ausgedrückt): In Freiheit tätig sein! "Nicht Erwerbsarbeit, sondern materielle Sicherheit steht hier im Vordergrund."[8]

Zur Umbewertung von Arbeitskraft hat Frigga Haug am Vorarlberger VfW-Symposium Prekarität & Demokratie 2007 ihre Utopie der "Vier-in-Einem-Perspektive"[9] zur Diskussion gestellt, die explizit nicht Erwerbsarbeit ins Zentrum stellt. Sie geht bei diesem Konzept von vier mal vier Stunden Tätigkeit für alle Erwachsenen pro Tag aus: vier Stunden Erwerbsarbeit, vier Stunden Reproduktions-/Pflegearbeit, vier Stunden Lernen, Kulturelles, Hobbies u.ä. sowie vier Stunden Agieren als politischer Mensch. Frigga Haug meint, die Prekaritätsfrage würde mit der Verwirklichung dieses Modells verschwinden.[10] Dies ist eine Utopie, die sich sehr von der Realität der ProjektarbeiterInnen unterscheidet, deren Wochenarbeitszeit schnell das Mehrfache eines Normalarbeitsverhältnisses erreicht. Subjektiv angepasste Arbeitszeiten und vermeintliche Unabhängigkeit scheinen zwar durch Flexibilisierung möglich, doch die nötigen Kreativitätsprozesse für künstlerische und auch wissenschaftliche Arbeit können ebenso wie Versorgungsarbeit nicht beschleunigt werden und gehen dann im ständigen Galopp der Projektakquise zur Absicherung der prekären Existenz unter. Die durch den Abbau des Sozialstaats in die "Freiheit" entlassenen Menschen sind "Freigesetzte" und sollen ihre "Freiheit zur marktförmigen Organisierung“ ihres Lebens nutzen – getragen von der "Selbstwirksamkeitserwartung" und begleitet von der "Angst, überflüssig zu sein".[11]

Freiheit in Prekarität

Frei zu denken, frei zu arbeiten, frei zu leben sind Grundrechte. Doch um diese genießen zu können, wird von den Einzelnen sehr viel riskiert und in Kauf genommen. Freiheit muss und wird grundlegend für Wissenschaft wie auch für Kunst immer wieder eingefordert werden (müssen). Was aber konkret hinter der Freiheit steht, ist oft schwer zu definieren. Die Philosophin Andrea Günter beispielsweise räumt der Freiheit in ihren Überlegungen zur Politik großen Stellenwert ein.[12] Für sie sind die drei maßgeblichen Motivationen für die Frauenbewegung "Liebe zur Freiheit, der Wunsch nach gelingenden Beziehungen und einem freien Sinn der weiblichen Existenz". Dabei bezeichnet sie diesen freien, der "weiblichen Existenz" eigenen Sinn als einen, "der nicht aus dem Vergleich mit dem Männlichen hergeleitet ist"[13].

Freiheit als Utopie?

Dass Utopien relativ unkonkret sein sollen, da sie so leichter vermittelt werden können und somit besser politische Veränderungen bewirken, meint die Politologin Antje Schrupp. Sie versucht am Beispiel der Utopie der Frauenbewegung – "Frauen sind frei. Das Patriarchat ist zu Ende" - aufzuzeigen, dass durch die weitgehende Unkonkretheit zwar kein einheitliches Programm, jedoch große Änderungen erreicht worden sind. Dies sei durch die Vermittlung, also die politische Praxis der Beziehungen, geschehen. Die unkonkrete Utopie wird durch die Verknüpfung mit dem subjektiven Begehren real. Sie betont: "Politisch Handeln bedeutet, Beziehungen einzugehen, also Beziehungen, die mir erlauben, meinem Begehren zu folgen, also meine Utopien zu realisieren. Und es bedeutet, Beziehungen zu lösen, die mir das verunmöglichen."[14]

Im Vernetzungstag und Symposium Freiheit und Prekarität wurde dieser Handlungsempfehlung gefolgt: in der Vernetzung von Initiativen ebenso wie von einzelnen Protagonistinnen, die sich mit prekären Verhältnissen beschäftigen – oder in solchen arbeiten und leben. Ihrer Motivation dazu und welchen Zwängen dieses subjektive, "eigene" Begehren untergeordnet sein kann, diesen Fragen wurde gemeinsam nachgegangen. Der Wunsch nach Freiheit bleibt treibende Kraft, auch wenn er in die Prekarität mit ihren vielfältigen und vieldimensionalen Abhängigkeiten führt. Freiheit ermöglicht es, dem eigenen Begehren zu folgen, dort Energie für Widerstand zu finden, neue Bedeutungen zu generieren und auch Vergnügen zu empfinden. Die Zirkulation von Bedeutungen und Vergnügen in einer Gesellschaft – wie mit John Fiske (1987) Kultur definiert werden kann – ist letztendlich nicht dasselbe wie die Zirkulation von Wohlstand: "Meanings and pleasures are much harder to possess exclusively and much harder to control"[15].


Dieser Text basiert auf dem von von Iris Aue, Gabi Gerbasits, Marty Huber, Daniela Koweindl, Elisabeth Mayerhofer, Katharina Prinzenstein und Sabine Prokop erarbeiteten Konzept für die Veranstaltung Freiheit und Prekarität.

Sabine Prokop ist feministische Kultur- und Kommunikationswissenschaftlerin, Künstlerin, Universitätslektorin, Mitbegründerin und derzeit Obfrau des Verbands feministischer Wissenschafterinnen. Aktuell ist sie Geschäftsführerin der IG Freie Theaterarbeit.

[1] Blimlinger, Eva (2006). "Die flexiblen und mobilen Ichlinge". In: Kulturrat Österreich. IG Infoblätter Nr. 85a, 2a/96: 4
[2] Perko, Gudrun (2001). Feministische Wissenschafterinnen in Österreich organisieren sich in einem Verband. www.vfw.or.at: 3
[3] Fleisch, Renate; Hacker, Hanna; Prokop, Sabine; Staritz, Nikola (2008). "Was wollten wir werden? Was werden wir wollen? Feminismen – Uni – Anti-Uni … und die Generationen/Brüche". In: Wuich, Brigitte; Dietl, Claudia; Günther, Elisabeth; Ambrosch, Heidi; Daimler, J. Anna; Abdallah, Madlen; Staritz, Nikola (Hg.innen.). TROTZ.DEM.IMMER WIEDER. Ansprüche, Widersprüche und Wirklichkeiten der FrauenFrühlingsUniversität 2007. Einblicke und Ausblicke. Löcker Verlag
[4] Vgl. Verein zur Förderung von Frauenbildungsprojekten (Hg.in) (1991). Autonomie in Bewegung. 6. Österreichische Frauensommeruniversität. Texte, Reflexionen, Sub-Versionen. Wien
[5] Perko 2001: 3
[6] Vgl. Ellmeier, Andrea (2005) Freie WissenschafterInnen und KünstlerInnen: Avantgarde des flexibilisierten Arbeitsmarktes. http://igkultur.at/igkultur/kulturrisse/1114329221/1114533090 [5.2.2009]
[7] Blimlinger, Eva (2005), zit. nach flexible @ art, Kapitel 3: 43 (Print)
[8] Michalitsch, Gabriele (2007). "Grundeinkommen. Bedingungslose Befreiung oder bewusste Befriedigung?". In: IG Kultur Österreich (Hg.in). Kulturrisse. Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik. 3/2007: 12-15; 13
[9] Haug, Frigga (2008). Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke. Hamburg: Argument
[10] Vgl. Prekarität und Demokratie. AEP-Information. Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft. Nr 3/2008. Innsbruck: Arbeitskreis für Emanzipation und Partnerschaft
[11] Vgl. Assheuer, Thomas (2003). "Ich-AG. Leben auf eigene Rechnung". In: Die Zeit 17.12.2003
[12] Günter, Andrea (2001). Die weibliche Seite der Politik. Ordnung der Seele, Gerechtigkeit der Welt. Ulrike Helmer Verlag, Königstein/T
[13] Vgl. http://www.antjeschrupp.de/rez_guenter_weibl_seite.htm [5.2.2009]
[14] Vgl. Schrupp, Antje (2004). Utopie konkret. http://www.antjeschrupp.de/utopie.htm [5.2.2009]
[15] Vgl. Fiske, John (1987). Television Culture. Routledge, London and New York: 18