Vernetzungstag und Symposium

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In der Galerie der Siegerinnen – wir haben es satt, gut zu sein!

Roswitha Kröll
 

Frauen sind die angeblichen Gewinnerinnen der Finanzkrise - weil sie nicht so risikoreich gezockt haben... Im Großen und Ganzen sind es wieder die, die sowieso nichts zu verlieren hatten. Deshalb gleich von Gewinnerinnen zu sprechen, halte ich für etwas übertrieben.

"Galerie der Siegerinnen" war auch ein Projekt, das flexible@art[1] für Linz09 Kulturhauptstadt Europas eingereicht hat und Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturfeld thematisierte. Das Projekt ging davon aus, dass seit den 1970er Jahren eine Zunahme von Beschäftigungsformen beobachtet werden kann, die vom so genannten Normalarbeitsverhältnis abweichen. Diese so genannten atypischen Beschäftigungsformen sind durch eine Flexibilisierung der zeitlichen, räumlichen und personellen Ressourcen geprägt. Sie zeichnen sich insbesondere durch die Minderung von arbeits- und sozialrechtlichen Normen und Ansprüchen aus. Über Jahrzehnte errungene sozialpolitische Standards waren mit dem Normalarbeitsverhältnis verbunden und kamen somit vor allem einem weißen männlichen Vollzeitarbeiter und "Familienerhalter" zu Gute. Frauen wurden wohl als Arbeiterinnen angenommen, allerdings keinesfalls als Vollzeitarbeiterinnen ernst genommen. Frauen wurden höchstens als "Dazuverdienerinnen" gesehen (auch wenn sie Vollzeit arbeiteten), und sie wurden auch nicht aus der gesellschaftlich geforderten und erforderlichen Reproduktionsarbeit (Kindererziehung, Haushalt, etc.) entlassen. In diesem Zusammenhang ist auch folgende Aussage zu sehen: "Ein arbeitsloser Künstler ist ein arbeitsloser Künstler, eine arbeitslose Künstlerin ist eine Hausfrau."[2]

Frauen waren schon immer eher in diesen atypischen und flexiblen Beschäftigungsformen zu finden als Männer. Auch das Kunst- und Kulturfeld weist diese besonderen Beschäftigungsformen häufiger auf als andere Branchen. Diese zunehmende Flexibilisierung der Arbeitswelt geht vielfach mit Tendenzen einher, die als Prekarisierung bezeichnet werden. In prekären Arbeitsverhältnissen fehlt oft gänzlich die Einbindung in ein soziales Sicherungssystem, sie bringen nur unzureichende monetäre Absicherung und bieten oft keinerlei Kontinuität bzw. längerfristige Perspektiven für eine Erwerbsbiographie. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu meint, dass Prekarität "[…] heutzutage allgegenwärtig ist. Im privaten, aber auch im öffentlichen Sektor, wo sich die Zahl der befristeten Beschäftigungsverhältnisse und Teilzeitstellen vervielfacht hat; in den Industrieunternehmungen, aber auch in den Einrichtungen der Produktion und Verbreitung von Kultur, dem Bildungswesen, dem Journalismus den Medien usw."[3]

Allgegenwärtige Prekarität

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Diskussion Ende letzten Jahres &όuml;ber das Ars Electronica Center in Linz, in dem seit Jahren arbeitsrechtlich nicht konforme Arbeitsbedingungen herrschen und sich besonders drastisch zur Zeit des Ars Electronica Festivals abzeichneten: Die Diskussion um die rechtswidrig als freie DienstnehmerInnen beschäftigten MitarbeiterInnen verschärfte sich parallel zum Neu- und Ausbau des im Jänner 2009 neu eröffneten Ars Electronica Center um mehr als 26 Millionen Euro. Im Zuge des Umbaus (und einer Vergrößerung von 2.500m² auf 6.500m²) wurde auch mehr Personal benötigt. Der Kontrast von Millionenausgaben für Infrastruktur und dem oben beschriebenen arbeitsrechtlichen Umgang mit MitarbeiterInnen war diesen dann doch zu viel und sie klagten im Mai 2008 beim Arbeitsgericht. Für Linz09 zeichnen sich ähnliche Bedingungen für MitarbeiterInnen ab: Spannend zum Beispiel ist die Genderverteilung auf den verschiedenen Ebenen der Organisation. Die künstlerische Leitung bestreiten inklusive Martin Heller als Intendanten und Uli Fuchs als seinem Stellvertreter vier Männer. Erst dann, in der Reihe der ProjektentwicklerInnen, findet sich auch eine ganze Riege von Frauen (neun Frauen und vier Männer inkl. Uli Fuchs). Besondere Auswüchse prekärer Beschäftigung sind nicht schwer zu finden: Für die Großausstellungen des OK-Centers Tiefenrausch wurden gegen Verpflegung und ein "Linz09 Leiberl" KunstvermittlerInnen gesucht.

Der Kunst- und Kulturbereich ist ein Arbeitsfeld, in dem stark prekarisierte Arbeitsverhältnisse auf solche treffen, die zu einem sehr hohen Grad flexibilisiert sind. Bestimmte Eigenschaften, die das Feld zusätzlich aufweist, verstärken diese Ausgangslage noch erheblich: Beispielsweise die von Alexander Meschnig festgestellte Eventisierung der Arbeit in der New Economy, wonach Arbeit zu einer unendlichen Abfolge von guter Laune und Selbstinszenierungen wird – dies gilt insbesondere (auch) für das Kunst- und Kulturfeld. Die Trennung von privat und öffentlich verschwindet zunehmend, "[…] die Freizeit [wird], wenn sie nicht selbst zur Arbeit mutiert, zu einer negativen Abwesenheit von Arbeit".[4]

Lustgewinn mit fahlem Beigeschmack

Auch im Rahmen des Vernetzungstreffens von kunst- und kulturschaffenden Frauen 2008 in Linz wurde immer wieder die Frage gestellt: Warum tut frau sich das an? Was ist der Benefit, den frau sich von der Arbeit in diesem Feld erhofft? Die häufigsten Antworten waren: Um der Freiheit willen, zu tun und zu lassen was ich will, und weil mir meine Arbeit Spaß macht. – Der Lustgewinn also.

Dieser Lustgewinn bekommt im Kontext des oben Beschriebenen allerdings einen fahlen Beigeschmack. Denn schon lange nicht mehr kann im Kunst- und Kulturfeld nur das getan werden was "Spaß macht" und "Freiheit zu tun" heißt. Schon lange sind KünstlerInnen, das zeigten (neben erst vor kurzem vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur veröffentlichten Studie zur sozialen Lage von KünstlerInnen[5]) auch die beim Vernetzungstreffen vorgestellten künstlerischen Arbeiten von Sinan Mollahasanov und Petja Dimitrova.

Die Arbeit "Animal Love" (2008) von Sinan Mollahasanov zeigt – gerahmt von barocken Tapetenmustern (an das Interieur der Wiener Hofburg erinnernd) – den biographischen Werdegang des Künstlers, der – migrantischer Herkunft – um das Kunststudium zu finanzieren diversen Gelegenheitsarbeiten nachging und auch so genannte "Auftragskunst" anfertigte, die mit der eigenen künstlerischen Arbeit im besten Fall technische Gemeinsamkeiten aufwies. Auch sein rechtlicher Status mit Aufenthaltsbewilligung als Student einer österreichischen Kunstuniversität war prekär. Sein Studium sowie seine eigene künstlerischen Arbeit litten unter diesen Bedingungen erheblich. Thematisiert wird hier die Schwierigkeit und die Illusion der Freiheit der Kunst – zu tun und zu lassen, wie auch zu bleiben wo du willst – in einem so genannten Kunst- und Kulturland Österreich.

Auch Petja Dimitrovas Arbeit zielt in diese Richtung. In der Videoarbeit §taatsbürgerschaft, die auch ihre Diplomarbeit (2003) war, ist ihr Kampf um die Erreichung der österreichischen Staatsbürgerschaft zu verfolgen. Als Künstlerin ist es neben den üblichen Bedingungen notwendig, die Wichtigkeit der eigenen künstlerischen Arbeit für den österreichischen Staat eventuell mittels Empfehlungsschreiben zu beweisen.[6] Seit 2006 bekommen KünstlerInnen normalerweise nur mehr eine einjährige Aufenthaltsbewilligung.

Utopische Forderung nach Verweigerung

Angesichts dieser Tatsachen erfordert es eine besondere Leistung des einzelnen Individuums, sich vom Arbeitsfeld abzugrenzen und bewusst Freizeit zu nehmen. Die Probleme, die durch die Ausübung mehrerer Jobs entstehen, wurden auch am Beispiel von Sinan Mollahasanov deutlich. In jedem Job gelten in der Regel eigene Gesetze: etwa spezielle Kommunikationsmethoden, organisatorische Abläufe oder Verhaltensweisen. Wechsel von einem Job zum anderen gestalten sich daher oft als schwierig. Auch die Differenzen zwischen den einzelnen Jobs können im Kunst- und Kulturfeld relativ groß sein, da das Feld selbst sehr unterschiedliche Arbeitsfelder aufweist. Die Qualifikationen, die eine Kunst- und Kulturarbeiterin mitbringen muss, sind relativ umfangreich, nicht leicht zu beschreiben und oft sehr hoch. Sie reichen von Wissen über (sowie Erfahrung mit) Finanzierung und Förderung, PR und Marketing, Kommunikation, Veranstaltungsorganisation oder Kunst- und Kulturvermittlung, Einsatz und Kenntnisse verschiedenster Informations- und Kommunikationstechnologien bis zu Büroorganisation – alles vereint in einer Person.

In diesem Kontext (ent)steht die oft wiederholte und für alle utopische Forderung nach Verweigerung. Dabei geht es nicht nur darum (wie auch in SI.SI Klockers Film "DIE FRAU, DIE ARBEIT, DIE KUNST und DAS GELD" thematisiert), diese zwar im Kunstzusammenhang stehende, aber organisatorische und administrative Arbeit zu verweigern. Sondern – angesichts der ohnehin wenig rosigen Aussichten – auch die Kunst- und Kulturarbeit selbst zu verweigern. Verweigerung z.B. auch, als "Alibifrau" oder so genannte "Quotenfrau" irgendwo mitzumachen. Verweigerung von – in diesem Fall essentialistisch gesprochen – frauendiskriminierenden Umgebungen, Verweigerung eines Fremdenrechtsgesetzes und Umgehung desselben mit Hilfe von Allianzen (siehe Petja Dimitrova), Verweigerung an sich. Am Ende steht die weitere Forderung nach der Lust Kunst zu machen, wann, wo und vor allem wie – unter welchen Bedingungen – wir wollen, in diesem Kulturland, das die Freiheit der Kunst garantiert und das sich Österreich nennt.


Roswitha Kröll (Jg. 1974) ist Künstlerin, Kunst- und Kulturarbeiterin. Angestellt bei FIFTITU% als halbe Geschäftsführerin, freiberufliche Tätigkeiten in kunst- und kulturwissenschaftlichen sowie -praktischen und -politischen Bereichen. Aktivistin bei Radio FRO, stillepost.org und v.o.n. (Verein ohne Namen).

[1] flexible@art war ein transdisziplinäres Forschungsprojekt der Kunstuniversität Linz mit zahlreichen ProjektpartnerInnen. Es wurde gemeinsam mit dem Institut f&όuml;r bildende Kunst und Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz, der KUPF – Kulturplattform Oberösterreich, dem Forum Freunde und AbsolventInnen der Kunstuniversität Linz, FIFTITU% – Vernetzungsstelle für Frauen in Kunst und Kultur, LIquA – Linzer Institut für qualitative Analysen, ÖH an der Kunstuniversität Linz, Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität und Abteilung für Kunst- und Kultursoziologie an der Universität für Angewandte Kunst in Wien durchgeführt. (www.flexibleatart.ufg.ac.at [18.01.2009])
[2] www.kuenstlerinnen.at/studie/_theorie_politik/ist-analyse.htm [20.01.2009]: Gespräch mit Barbara Klein (LINK.*, kosmos.frauenraum) in Wien am 09.09.2000
[3] Bourdieu, Pierre (1998): Prekarität ist überall. In: Bourdieu, Pierre: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Konstanz: UVK, 1998: 96-102
[4] Meschnig, Alexander (2003): Unternehme dich selbst! Anmerkungen zum proteischen Charakter. In: Meschnig, Alexander; Stuhr, Mathias (Hg.): Arbeit als Lebensstil. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2003: 26-44
[5] Schelepa, Susanne; Wetzel, Petra; Wohlfahrt, Gerhard: Zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich. Wien: L&R Sozialforschung, 2008 (www.bmukk.gv.at/medienpool/17401/studie_soz_lage_kuenstler_en.pdf [18.01.2009])
[6] "Verleihung der Staatsbürgerschaft bei Vorliegen eines Rechtsanspruches: [...] sechsjähriger rechtmäßiger und ununterbrochener Aufenthalt und wenn die Verleihung auf Grund bereits erbrachter und zu erwartender außerordentlicher Leistungen auf wissenschaftlichem, wirtschaftlichem, künstlerischem oder sportlichem Gebiet im Interesse der Republik liegt." (www.wien.gv.at/verwaltung/personenwesen/staatsbuergerschaft/rechtsan.html [16.02.2009])