Vernetzungstag und Symposium

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Manifest im Handstand. Version 1.1

Die Chronistin 1.1 (Marty Huber)
 

Es gibt immer ein Vorher, ein Woher eines Manifestes, wie auch ein Wohin. Einige Weichen für diese erste Fassung des Manifestes wurden beim Vernetzungstreffen von Frauen in Kunst und Kultur und beim Symposium Freiheit & Prekarität im November 2008 in Linz gestellt.

Nur nicht vergessen: Das Zusammentragen der Sehnsüchte, Wünsche und Begehren hat Tradition, manches geht dabei verloren oder wird neu aufgerollt, identitäre Positionen verschieben sich, es trafen und treffen sich Frauen, die sich trotz Widersprüchen und Revisionen nicht unterkriegen lassen wollen. Diese Frauen haben verschiedene Hintergründe, Erfahrungen, Staatsbürgerinnenschaften, sexuelle Vorlieben, sind verzweifelt und wütend, manche frohen Mutes "unweiblich", sind mehrerer Sprachen fähig und müssen sich mit Übergriffen beschäftigten – aufgrund des vorherrschenden Sexismus, Rassismus, der Homo- und Transphobie, Islamophobie oder des Antisemitismus.

Trotz dieser Erfahrungen und mit diesen hat sich das gemeinsame Sprechen und Streiten wieder und wieder erprobt in neue, erweiterte Kontexte aufgeschwungen, um sich zu behaupten, zu statuieren, aber auch, um sich loszulassen. Diese erste Fassung des Manifestes der Versammlung Freiheit & Prekarität sei dazu da, zu steigen und zu fallen, weiter getragen zu werden und sich zu verändern.

1. Jede/r hat die Freiheit ein/e KünstlerIn zu sein!

Raus mit den verstaubten Vorstellungen von Genie und Elite. Ein Ende den Ausbildungsbeweisen, Anerkennungsritualen und trendigen Szenarien. Ein Ende den Kurien, die bestimmen, wer KünstlerIn ist. Endlich raus mit den Meisterklassen in unseren Köpfen. Freiheit auch der Kulturarbeiterin, der Kulturvermittlerin, den Begeisterten, die stolz die Ärmel hochkrempeln und manchmal ein Glas Prosecco schlürfen. Mit ihnen ein Hoch auf die freien Radio- und sonst wie MedienmacherInnen, die sich gegen Frequenzenklau behaupten, als PiratInnen Monopole stürzen und schwarz-auf-weiß drucken, was sonst niemand drucken will. Jede/r ist frei, das zu sein und wiederholter Weise etwas in dieser Art zu werden.

2. Jede/r ist frei, sich überall niederzulassen, zu kommen und zu gehen!

Nieder mit den Niederlassungsbewilligungen und Abschiebungsbescheiden. Ein Ende der Schleierfahndung, den Kopftuch-EnthüllungskolonialistInnen. Ein Ende der strukturellen Gewalt gegen Frauen und andere Minderbeheitete. Ein Ende der Aufbürdung der Traditionsbewahrung und der Innovationsmultitaskingleistungen. Bleibe reicht für alle, nur der Kopf ist so beschränkt, Papiere den einen zu verweigern und den anderen aufzuzwingen. Niemand hat das Recht, über andere zu entscheiden.

3. Geld allein ist das Ende der Utopie!

Geld ist ein Tauschmittel, das gewisse Zwecke erfüllt, es ist ein Mittel zum Zweck, aber der Zweck des "in Freiheit tätig sein zu können" darf nicht aus den Augen verloren werden. Die Arbeit an einer gerechteren Welt lässt sich nicht am Bruttoinlandsprodukt messen.

4. (Reproduktive) Arbeit muss gerecht verteilt werden!

Generationen von Streiterinnen vor uns haben diesen Kampf geführt und er wird weiter getragen, weil er immer noch notwendig ist. Weder ist die Verteilung der reproduktiven Arbeiten wie Haushalt, Kindererziehung und Pflege unter den Geschlechtern zu einem geringsten Grade fortgeschritten, noch ist der Anteil von Frauen an bezahlter Arbeit maßgeblich gestiegen. Im Gegenteil: Ein Großteil der Frauen wird in Teilzeitarbeit abgeschoben, Drittstaatsangehörige müssen sich mit der Nicht-Anerkennung ihrer Ausbildungen herumschlagen.

5. Gleicher Zugang zu Ressourcen für alle!

Umverteilung von Ressourcen darf nicht nur ein Schlagwort bleiben, sondern muss allumfassende Praxis werden. Zugang zu Mitteln und Möglichkeit, zu Bildung und schon vorhandenem Wissen darf nicht von Geschlecht, Hautfarbe, Klasse, StaatsbürgerInnenschaft, sexueller Orientierung, usw. abhängig gemacht werden. Die Wahlfreiheit muss eine echte Wahlfreiheit sein und darf nicht mit der kontrollierten Vergabe von Almosen verwechselt werden.

6. Freiraum und Orte für alle!

Die Betreibung und Erhaltung von Räumen ohne kommerziellen Charakter muss gefördert und Spekulation mit Wohn-, Schaffens- und Lebensraum verboten werden. Leerstehende Häuser müssen befreit und diversen kommunalen Zwecken zugeführt werden. Offene Räume sollen weiters die Möglichkeit schaffen, Diskurse zu verbreitern und politischen, emanzipatorischen Bewegungen und ihren Momenten in der Geschichte Platz zu geben – zur Etablierung, Entwicklung und zur Auflösung und Neuerfindung.

7. Zirkulation von Macht und Lust!

Niemand hat das Recht immerzu zu herrschen, niemand hat das Recht immerzu beherrscht zu werden. Macht muss und Lust wird zirkulieren!


Marty Huber ist Dramaturgin und Performancetheoretikerin sowie queere Aktivistin. Seit Oktober 2005 Sprecherin der IG Kultur Österreich.